26.05.2026 - Klartext

Berliner Stadtnatur in Bedrängnis

Bild: Cornelia Kahl

Von Cornelia Kahl, Sprecherin der NI in Berlin und Umgebung

Auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik im Berliner Bezirk Reinickendorf, Oranienburger Straße 285, 13437 Berlin, mit eigenem U-und S-Bahn-Anschluss, befindet sich ein traumhafter, in Teilen waldähnlicher Landschaftspark mit denkmalgeschützten Klinikgebäuden, deren Krankenhausbetrieb die Vivantes GmbH bereits 2006 aufgab.

Inmitten dicht bebauter Wohngebiete und stark befahrener Straßen finden Anwohner und Besucher hier einen Rückzugsraum, zahlreiche WildtiereWildtiere Wir schützen Wildtiere! Unser ganzes Herz schlägt für den daseinsbedingten Schutz von Wildtieren. einen Lebensraum. Die Avifauna umfasst u.a. Greifvögel, zahlreiche Singvögel, Rabenvögel. Fledermäuse finden in den alten Bäumen Quartier und Wochenstuben.

Auch die Fassaden der zum Abriss freigegebenen Gebäude bieten Quartiere für Gebäudebrüter und Fledermäuse.

Claudia, die Aktivistin vor Ort, Sprecherin der Initiative Ka-Bo-N Öeko!Logisch! und Theresa, die sich als Architektin, für die Besonderheit von der gestalteten Gemeinschaft von Natur, Artenschutz und den hier auf dem Gelände verwirklichten Gebäuden einsetzt (Bündnis Klimastadt Berlin 2030, Initiative Sternhäuser retten!), zeigen mir auf dem Weg durch den Wald den in der Eiszeit entstandenen Koldischteich. Ende März zwar trockengefallen, bietet er dennoch Raum für Lebensformen, die an feuchte bzw. wechselfeuchte Standorte angepasst sind.

„Hier wurde das Wasser von den Dachflächen der früheren Klinikgebäude eingeleitet. Nach dem Forstamt Tegel müsste diese Leitung auch weiterhin Wasser führen. Sie sei aber wohl undicht. So versickert das Wasser irgendwo,“ erklärt Claudia und setzt hinzu: „die Berliner Forsten sind außergewöhnlich offen. Tatsächlich bekam ich zu dem Stand hinsichtlich des Koldischteichs binnen einer Woche einen Telefontermin.“

Konkrete Maßnahmen, das Niederschlagswasser der Umgebung in den Teich zu leiten, sind wohl geplant, aber noch nicht umgesetzt.

Wir setzen unseren Rundgang über das Gelände fort. Auffallend sind die vielen Habitatbäume, stehendes und liegendes Totholz. Auch der Eremit findet hier ein Refugium.

Ich bin zwar ein Berliner Urgestein, doch muss ich ehrlich gestehen, dass mir bis zu diesem Besuch das Klinikgelände unbekannt war.

„Ich danke Euch herzlich für die Einladung und den ausführlichen Rundgang sowie die vielen erklärenden Hinweise“, erklärt Conny.

Theresa, seit Jahren aktiv für den Natur- und Artenschutz und darüber hinaus für den Erhalt der Bestandsgebäude auf dem Klinikgelände tätig, erläutert mir die jüngere Geschichte der Liegenschaft und die geplanten Baumaßnahmen:

„Im Dezember 2022 gab die BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH den „Strategischer Ankauf“ des fast 38.000 m² großen (NRF) Geländekomplexes bekannt [1]. Das aus 13 Gebäuden bestehende Gesamtareal wurde der Vivantes GmbH abgekauft und in drei Teilflächen an folgende Käufer veräußert:

  • BBF (2020 gegründet als Tochtergesellschaft der BIM, tätigt die BBF strategische Grundstücksankäufe)
  • Land Berlin (für die Unterbringung von Geflüchteten, sowie den Krankenhaus-Maßregelvollzug, KMV, der dort schon immer war)
  • Gesobau AG (für 600 neue Wohnungen)

Obwohl das Gelände dicht mit Habitatbäumen bestanden ist, sowie zahlreiche denkmalgeschützte Gebäude aufweist und solche, die nach einer Pro-Erhalt-Machbarkeitsstudie klimaschonend und ökonomisch vertretbar nachnutzungsfähig wären, setzt der Senat zusammen mit dem Bezirk auf Baumfällungen zugunsten zahlreicher Neubauten und neu versiegelter Flächen. Ausgerechnet hier soll die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gesobau AG ein autofreies Wohnquartier mit 600 neuen Wohnungen für rund 1.200 Menschen errichten, davon die Hälfte sozial bezahlbar und barrierefrei. Die Bauarbeiten sollten im Jahr 2024 beginnen.

2019 wurde bereits eines der ersten umfangreichen Gutachten zur Eingriffseinschätzung des Baumbestands in Auftrag gegeben. Spätestens danach hätte man die Idee von Neubauvorhaben auf dem Grundstück eigentlich begraben und stattdessen auf Bestandsertüchtigung setzen müssen. Denn selbst ohne Autoverkehr würden die rund 1200 zusätzlichen Menschen für die Natur- und Artenvielfalt auf dem Gelände einen massiven Eingriff bedeuten und zu irreversiblen Folgeschäden für den intakten Naturraum führen. Dennoch wurden seitdem wertvolle Bäume gefällt, ein Arten- bzw. Naturschutz-Gutachten nach dem anderen beauftragt und gleichzeitig kein einziges der teilweise denkmalgeschützten Gebäude auf dem Gelände saniert“, erläutert Theresa.

Unterdessen sind wir wieder an unserem Ausgangspunkt, dem von den Berliner Forsten betreuten südlichen Bereich des ehemaligen Klinikgeländes angekommen. Ich konnte sehen, wie Abrissmaßnahmen vonstattengehen, schwere Baumaschinen über das Gelände rollen.

Conny fragt: „Gibt es bereits Baugenehmigungen? Wie wurden und werden die Anwohner in die Pläne einbezogen? Fühlt Ihr Euch gut informiert?“

„Die Aufstellung eines Bebauungsplanes wird seitens der politischen Entscheidungsträger für nicht erforderlich und auch ein Wettbewerb nach RPW (Richtlinien für Planungswettbewerbe) für überflüssig gehalten. Ein „graues“ Werkstattverfahren tat es aus Sicht der Gesobau auch. Anwohnerinteressen und deren Kritik wurden und werden beiseitegeschoben“, antwortet Theresa.

Conny möchte wissen, wie der Artenschutz sichergestellt wird:
„Gibt es Habitat- und Bodenschutzkonzepte? Ist der Immissionsschutz ausreichend?“

„Nein, überhaupt nicht, entgegnet Theresa. Natur- und Artenschutz wird mit Füßen getreten. Nur auf Druck werden halbherzig Ausgleichsmaßnahmen getroffen. Bei den Verantwortlichen liegt offenbar kein Gespür für die Besonderheiten des Ortes vor. Es wird nüchtern weitergeplant, um politisch geforderte Wohnungsstückzahlen zu erreichen. Derweilen fordern wir schon lange innerhalb und außerhalb von Fachkreisen einen Paradigmenwechsel hin zu behutsamer Bestandsertüchtigung und Umbau statt Neubau in grün geprägten Freiräumen.“

„Ihr macht Euch Sorgen um diese Perle der Berliner Stadtnatur. Das merke ich Euch deutlich an. Was sind Eure größten Bedenken?“, fragt Conny.

„Eine unwiederbringliche Zerstörung von intakter Natur. Stattdessen könnte man Wohnraum durch Aufstockung im Bestand herstellen, in leerstehenden Büroimmobilien oder auch in denkmalgeschützten Verwaltungsgebäuden, die hier nebenan verfallen. Man muss heutzutage nicht den simplen Weg gehen, grüne Wiese neu zu versiegeln.“

„Ich lebe seit 1998 hier in der Nähe“, sagt Claudia, und weiter: „Mit meiner kleinen Tochter bin ich damals zu der freistehenden rotgeklinkerten Mauer spazieren gegangen. Da war ein langer Weg mit einer Lindenallee, überall war Gesträuch, liegendwachsende, junge Buchen. Dahinter stand Wald. Während meine Tochter mit Blättern spielte, Steine und Äste sammelte, war ich gefangen von dieser einzigartig verklärenden Stimmung. Später hörte ich von der Geschichte dieser Klinik. Die Bäume hier sind Zeitzeugen. Ich nenne sie: Hütende des Friedens. Sie heilen diesen Ort. Auch deswegen sollten sie geschützt werden. Gleich, ob sie mit mehreren Stämmen wachsen oder nach bundesnaturschutzrechtlichem Verständnis schützenswert sind.“

Neben dem geplanten neuen Wohnquartier soll auch der waldähnliche Bereich in die Pläne einbezogen werden: neue Wegeführungen und Aufenthaltsbereiche für die Anwohner. „Ertüchtigung für die Erholungsnutzung und Freizeitgestaltung“ heißt es im Marketingjargon.

Mir wird schwer ums Herz, wenn ich mir vorstelle, die Neubauvorhaben werden umgesetzt wie geplant. Dann wären wieder ein Stück Berliner Kultur- und Naturlandschaft unwiederbringlich verloren.

[1]https://berichte.bim-berlin.de/magazin/detailseite/strategischer-ankauf-karl-bonhoeffer-nervenklinik-in-landeshand

 

Mehr Infos
Link zum Wikipedia-Eintrag

© Naturschutzinitiative e.V. (NI) | Wir schützen Landschaften, Wälder, Wildtiere und Lebensräume
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