05.11.2026 - Neuigkeiten

Dinner for One und „The same procedure as every year“

Bild: pixabay_PublicDomainPictures

Von Susanne Schüßler 

Warum wir eine Tradition hinterfragen müssen, die für andere Lebewesen zur Gefahr wird

„The same procedure as every year.“ Diesen Satz kennen Millionen Menschen aus dem Silvesterklassiker Dinner for One. Jahr für Jahr gehört der Sketch für viele zum Jahreswechsel, ebenso wie das Feuerwerk um Mitternacht. Beides sind lieb gewonnene Traditionen, die wir kaum hinterfragen. Doch während uns die eine zum Lachen bringt, versetzt die andere unzählige Lebewesen in Angst und Panik.

Die Geschichte des Feuerwerks reicht mehr als tausend Jahre zurück. In China wurden frühe Formen der Pyrotechnik eingesetzt, um böse Geister zu vertreiben. Später fand das Schwarzpulver auch militärische Verwendung. Heute verbinden wir Feuerwerk mit Freude, Hoffnung und einem Neubeginn.

Wenn um Mitternacht die Raketen in den Himmel steigen, soll das alte Jahr verabschiedet und das neue willkommen geheißen werden. Doch was haben Hoffnung und Frieden eigentlich mit Explosionen, ohrenbetäubendem Lärm und beißendem Rauch zu tun? Und weshalb halten wir so selbstverständlich an einer Tradition fest, obwohl wir längst wissen, dass sie anderen Lebewesen schadet?

Ich kann diese Faszination durchaus nachvollziehen. In meiner Kindheit gehörte das Feuerwerk zu Silvester. Mein Vater holte seine Leuchtpistole hervor, stellte sich mit uns beiden Töchtern in den Garten und schoss mit großem Respekt drei Raketen in den Nachthimmel. Es war ein kleines Ritual, auf das wir uns jedes Jahr freuten. Die Vorbereitung, das gespannte Warten und schließlich die leuchtenden Farben am Himmel haben sich tief in meine Erinnerung eingeprägt.

Später stand ich selbst mit meinen Kindern auf der Straße und ließ Raketen steigen. Ich dachte nicht darüber nach, was das Feuerwerk für die Umwelt bedeutete. Ich dachte nicht an Haustiere, die sich zitternd unter Möbeln versteckten, und schon gar nicht an die WildtiereWildtiere Wir schützen Wildtiere! Unser ganzes Herz schlägt für den daseinsbedingten Schutz von Wildtieren., die draußen lebten. Dabei gab es bereits damals Menschen, die auf die Folgen aufmerksam machten. Ihre Warnungen erreichten mich nicht wirklich. Heute sehe ich das anders. Nicht, weil ich vergessen hätte, wie schön ich die bunten Lichter einmal fand. Sondern weil ich inzwischen weiß, welchen Preis andere Lebewesen dafür bezahlen.

Wenn unsere Freude für andere zur Todesangst wird

Während wir um Mitternacht mit einem Glas Sekt anstoßen und den Himmel betrachten, beginnt für viele Wildtiere eine Nacht voller Schrecken. Vögel, die geschützt in Bäumen oder auf Gewässern schlafen, werden durch die Explosionen aufgeschreckt. Sie fliegen in der Dunkelheit auf, verlieren ihre vertrauten Ruheplätze und verbrauchen Energie, die sie gerade im Winter dringend benötigen. In panischer Flucht können sie mit Hindernissen kollidieren oder sich verletzen.

Wie gravierend die Auswirkungen sind, zeigen wissenschaftliche Untersuchungen. Forschende des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie untersuchten das Verhalten von 347 Wildgänsen rund um Silvester. Die Tiere verließen ihre Schlafplätze, flogen deutlich weiter und höher als gewöhnlich und verkürzten ihre Nachtruhe durchschnittlich um zwei Stunden. Selbst Tage nach dem Feuerwerk war ihr Verhalten noch verändert. Was für uns ein beeindruckendes Schauspiel ist, bedeutet für diese Tiere eine massive Störung ihres Lebens. Und es sind nicht nur Vögel betroffen. Auch Füchse, Rehe, Hasen und andere Wildtiere können durch die plötzlichen Explosionen aufgeschreckt werden. Sie können nicht verstehen, weshalb ihre Umgebung innerhalb weniger Sekunden zu einem Ort voller Lärm, Lichtblitze und Rauch wird. Sie wissen nicht, dass die Gefahr vermeintlich nach kurzer Zeit vorüber ist.

Gerade im Winter kann eine solche Störung schwerwiegende Folgen haben. Nahrung ist knapp, die Temperaturen sind niedrig und viele Tiere müssen mit ihren Energiereserven haushalten. Eine unnötige Flucht kostet Kraft, die ihnen später fehlen kann. Wie viele Wildtiere jedes Jahr unmittelbar oder mittelbar an den Folgen des Feuerwerks sterben, lässt sich nicht zuverlässig beziffern. Die meisten Tiere leben verborgen. Niemand zählt die Vögel, die nach einer panischen Flucht nicht zurückkehren, oder die geschwächten Tiere, die später an den Folgen einer solchen Störung zugrunde gehen. Doch nur weil wir ihr Leid nicht sehen, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert.

Wie viel Rücksicht sind wir bereit zu nehmen?

Wir sprechen über Artensterben, Biodiversität und die Notwendigkeit, unsere heimischen Wildtiere besser zu schützen. Wir hängen Nistkästen auf, legen naturnahe Gärten an und freuen uns über jeden Vogel, der darin einen Lebensraum findet. Und dann verwandeln wir zum Jahreswechsel unsere Städte und Dörfer in eine Landschaft voller Explosionen. Wie passt das zusammen?

Wir wissen inzwischen viel über die Bedürfnisse unserer Mitgeschöpfe. Wir wissen, dass Wildtiere Rückzugsräume brauchen, dass sie auf Ruhe angewiesen sind und dass menschliche Störungen erhebliche Auswirkungen haben können. Trotzdem nehmen wir ausgerechnet in einer Jahreszeit, in der viele Tiere besonders verletzlich sind, eine massive Belastung ihrer LebensräumeLebensräume Wir schützen Lebensräume! Bedrohte Vielfalt schützen und erhalten! in Kauf.

Für unsere Haustiere können wir zumindest versuchen, die Silvesternacht erträglicher zu machen. Wir können Fenster schließen, Rollläden herunterlassen und ihnen einen geschützten Rückzugsort anbieten. Auch das verhindert ihre Angst nicht immer. Wildtiere dagegen haben diese Möglichkeit nicht. Niemand bringt die Vögel auf den Bäumen, die Rehe am Waldrand oder die Hasen auf den Feldern in Sicherheit. Ihr Lebensraum wird innerhalb weniger Minuten zu einem Ort, an dem sie sich nicht mehr sicher fühlen können. Wir entscheiden darüber, wo Straßen gebaut, WälderWälder Wir schützen Wälder! Wälder sind zumeist die naturnahesten Biotope und wertvolle, nicht ersetzbare Lebensräume für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen. Wald ist mehr als nur Holz. gerodet und LandschaftenLandschaften Wir schützen Landschaften! Landschaft ist eine wichtige Grundlage für Biodiversität. verändert werden. Wir bestimmen, welche Flächen der Natur bleiben und welche wir für unsere Bedürfnisse beanspruchen. Und einmal im Jahr entscheiden wir zusätzlich, dass selbst die Ruhe der Nacht unserem Vergnügen weichen muss. Die Tiere können sich gegen keine dieser Entscheidungen wehren. Sie haben keine Stimme, mit der sie ihre Bedürfnisse einfordern können. Gerade deshalb tragen wir eine besondere Verantwortung.

Natürlich bedeutet Feuerwerk für viele Menschen Freude. Es verbindet Generationen, weckt Kindheitserinnerungen und gehört für manche untrennbar zu Silvester. Das kann ich verstehen, denn mir ging es lange genauso. Aber reicht unsere Freude als Rechtfertigung aus, wenn andere Lebewesen darunter leiden?

Traditionen dürfen sich verändern

Traditionen sind nicht deshalb richtig, weil sie alt sind. Sie sind von Menschen geschaffen und können von Menschen verändert werden. Vieles, was früher selbstverständlich war, betrachten wir heute mit anderen Augen. Weil wir mehr wissen. Weil sich unsere Werte verändert haben. Weil wir gelernt haben, Verantwortung nicht nur für uns selbst zu übernehmen. Warum sollte das beim Feuerwerk anders sein?

Es geht nicht darum, den Menschen ihre Freude am Jahreswechsel zu nehmen. Es geht darum, diese Freude so zu gestalten, dass sie nicht auf Kosten anderer Lebewesen geht. Ein neues Jahr braucht keine Explosionen, um hoffnungsvoll zu beginnen. Es braucht keine Böller, um Menschen zusammenzubringen. Und Frieden lässt sich schwerlich mit einem Lärm begrüßen, der bei anderen Angst und Panik auslöst. Wir sprechen häufig davon, dass wir achtsamer mit unserer Umwelt umgehen müssen. Wir wollen unsere Natur bewahren, bedrohte Arten schützen und kommenden Generationen eine lebenswerte Welt hinterlassen. Doch wie ernst meinen wir diese Verantwortung, wenn wir sie dort ablegen, wo sie unsere eigenen Gewohnheiten infrage stellt?

Wir sollten uns deshalb nicht fragen, ob wir eine jahrhundertealte Tradition aufgeben dürfen. Sondern ob wir sie weiterhin rechtfertigen können, wenn wir wissen, welche Folgen sie für andere Lebewesen hat. Denn eine Tradition sollte nicht wichtiger sein als das Leben und Wohlergehen derer, die ihr unfreiwillig ausgesetzt sind.

Verantwortung beginnt mit unserer Entscheidung

Lange habe ich selbst nicht über die Folgen des Feuerwerks nachgedacht. Deshalb möchte ich niemandem vorwerfen, dass er diese Tradition bisher ebenso selbstverständlich gepflegt hat wie ich. Aber ich glaube, dass mit dem Wissen auch unsere Verantwortung wächst. Wer heute Feuerwerkskörper kauft, trifft eine Entscheidung. Nicht nur darüber, wie er selbst Silvester feiern möchte, sondern auch darüber, welche Belastungen er seiner Umgebung zumutet.

Natürlich wäre es bereits ein Fortschritt, wenn weniger Menschen Raketen und Böller zündeten. Doch die Frage ist, ob freiwillige Zurückhaltung ausreicht, um Wildtiere wirksam zu schützen. Denn ein Tier kann nicht unterscheiden, ob der Knall von einem einzigen Feuerwerkskörper stammt oder von hundert. Und es kann sich nicht darauf verlassen, dass seine Umgebung in dieser Nacht verschont bleibt. Deshalb unterstütze ich die Forderung nach einem Verbot privaten Silvesterfeuerwerks, für die sich auch Wildtierschutz Deutschland mit seiner Petition einsetzt. Nicht, weil ich den Menschen ihre Freude nehmen möchte, sondern weil unsere Freude dort Grenzen haben muss, wo sie anderen Lebewesen Leid zufügt.

Es geht um eine grundsätzliche Frage: Wie viel Leid sind wir bereit, für wenige Minuten Unterhaltung in Kauf zu nehmen?

Ich erinnere mich gerne an meinen Vater, der mit uns beiden Töchtern im Garten stand und drei Leuchtraketen in den Nachthimmel schoss. Diese Erinnerung wird mir niemand nehmen. Aber heute weiß ich, dass unsere Freude für andere Lebewesen mit Angst und Gefahr verbunden war. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, wohl aber meine Entscheidungen in der Gegenwart. Und genau darum geht es. Wir müssen nicht an allem festhalten, was uns einmal Freude bereitet hat. Wir dürfen dazulernen, Verantwortung übernehmen und Traditionen verändern.

Vielleicht werden sich unsere Kinder und Enkel eines Tages daran erinnern, dass wir früher jedes Jahr Raketen in den Himmel geschossen haben. Oder werden sie sich auch fragen, weshalb wir so lange daran festgehalten haben, obwohl wir längst wussten, welche Folgen es hatte.

Traditionen dürfen sich verändern. Unser Mitgefühl sollte nicht an ihnen scheitern.

Denn ein gutes neues Jahr sollte nicht nur für uns Menschen friedlich beginnen, sondern auch für die Lebewesen, mit denen wir diese Welt teilen.

Und vielleicht ist es gerade deshalb an der Zeit, dass es zu Silvester nicht mehr heißt: „The same procedure as every year.“

Max-Planck-Gesellschaft (2022): Feuerwerk beeinflusst Wildvögel langfristig.

Zur Veröffentlichung:

https://www.mpg.de/19522040/1121-ornr-feuerwerk-beeinflusst-wildvoegel-langfristig-987453-x?utm_source=chatgpt.com

 

Wildtierschutz Deutschland e.V.:
„Petition für ein friedliches Silvester für Tier und Mensch ohne Böller“

„Wir möchten Silvester friedlich feiern und ins neue Jahr starten ohne Wildtiere, Menschen und Umwelt zu gefährden! So wie es Menschen und Tiere ab dem Jahreswechsel 2026/27 in den Niederlanden machen können. Bitte setzen Sie ein Zeichen, damit auch Wildtiere die Silvesternacht überstehen können, ohne aus ihren Gebieten vertrieben zu werden oder sich bei der Flucht tödlich zu verletzen.“

Bitte unterzeichnen Sie die Petition von Wildtierschutz Deutschland e.V.!

 

Hier Petition unterzeichnen


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