„Walrettung“ und die deutsche Doppelmoral im Umgang mit Wildtieren
Die missglückte Rettung des in der Ostsee mehrfach gestrandeten „Timmy“ alias „Hope“ genannten Buckelwals zeigt viel Positives und lässt uns gleichzeitig in die Abgründe der Doppelmoral in den politischen und medialen Resonanzräumen im Umgang mit Natur und Wildtieren in Deutschland blicken.
Ein Kommentar von Dr. Wolfgang Epple
Als Anfang März 2026 ein Buckelwal in der Ostsee auftauchte, war kaum abzusehen, welch eine tragische Geschichte sich um den anschließend mehrfach – zunächst am Timmendorfer Strand – gestrandeten und schließlich endgültig in der Wismarer Bucht vor der Insel Poel im seichten Wasser festsitzenden Meeressäuger entwickeln würde.
Die große Anteilnahme vieler Menschen ist keineswegs zu kritisieren. Denn sie ist im Grunde genommen ein gutes Zeichen für Empathie, für Anteilnahme und Sorge um das Leben über die eigene Artgrenze hinaus. Das, was man in der Naturethik als Mitgeschöpflichkeit und damit Pendant zur Mitmenschlichkeit einordnet, ist zumindest in Teilen der Bevölkerung entwickelt. Mitleid und Hilfsbereitschaft sind wesentliche Kennzeichen einer barmherzigen Weltsicht. Es zeigen sich hier Andeutungen der Sprengung eines anthropozentrischen Moral- und Denkrahmens.
Bei genauerer Betrachtung allerdings offenbart die zu einer aufgeblähten Medien-„Story“ gewordene Geschichte von „Timmy“ alias „Hope“ nicht nur aus der Sicht des am Ende hilflosen Tiers einschneidende Defizite. Im politischen und medialen Umgang mit Natur und Wildtieren ist der Entwicklungsstand unserer Gesellschaft von erheblichen Widersprüchen und Ungereimtheiten geprägt.
Es sind die gleichen Medien und die selben politischen Figuren, die im Falle weniger spektakulärer Wildtiere ganz anders – nämlich erbarmungslos – zur Sache gehen.
Der NDR, der sich mit Dauerberichterstattung zum Ostsee-Wal als ÖRR nach vorne brachte, war und ist sich bis heute nicht zu schade, beispielsweise im Falle des Schakals von Sylt im Jahr 2025 und im Falle eines Wolfs, der sich in die Großstadt Hamburg verirrte und in Panik bei einem Fluchtversuch eine Frau verletzte (wohlgemerkt nicht angegriffen hat), an Hetze, Panikmache und schon erstaunlichen Falschmeldungen festzuhalten.
Es ist erst recht erstaunlich, in welcher Weise der SPD-Minister, der für „Timmys“ Schicksals politisch zuständig war, während des Hypes um den Wal vom Anti-Artenschutz-Hardliner zum verständnisvollen Naturschützer mutierte. Sinngemäß gab er in einem der vielen Interviews seine bahnbrechende Erkenntnis zum Besten, der Wal sei deshalb etwas Besonderes, weil er ein höchst soziales Tier sei. Wölfe, lieber Herr Backhaus, sind ebenfalls höchst soziale Tiere – möchte man ihm zurufen. Wen juckt, dass ihre Familienstrukturen in Deutschland nun zerschossen werden sollen, Elterntiere und Welpen vernichtet werden?
Nicht zuletzt bemerkenswert sind die vielen „Experten“, die rund um die Wal-Rettung zu Wort kamen. Einige wurden zu Dauergästen von Interviews. Immerhin war von Geisternetzen, industrieller Fischerei, und Plastik in den Ozeanen die Rede, und von Verantwortung. Der Klimawandel musste wie heute selbstverständlich herhalten, um die weltweite Bedrohung der Wale zu illustrieren. Was nicht erwähnt wurde, ist die zunehmende Beschallung der Meere mit dem niederfrequenten Lärm aus Offshore-Windindustrie, der die Meeressäuger bis in große Tiefen hilflos ausgeliefert sind – eine für die Tiere unausweichliche Beschallung, die ihre Befindlichkeit und Orientierung mit großer Sicherheit beeinträchtigt.
Nach methodisch höchst umstrittenem Transport und Freilassung im Skagerag Anfang Mai 2026 lebte der Wal nach den Erkenntnissen des Trackers, den man ihm angeheftet hatte, noch höchstens fünf Tage auf offener See und hat etwas mehr als 200 km zurückgelegt – für einen Buckelwal eine sehr kleine Strecke. Er strandete Mitte Mai abermals – dieses Mal bereits verendet – an der dänischen Insel Anholt. Vorher hatte er umgedreht und sich erneut auf den Weg in die seichteren Gewässer der Ostsee gemacht. Die Obduktion ergab keine eindeutigen Ergebnisse. Voraussehbar war es dennoch, dass das ganz offensichtlich schon während der „Rettung“ stark geschwächte Tier nicht lange überleben würde. Vermutlich ist er – schlicht erschöpft – ertrunken. Für die Voraussicht einer geringen Überlebenschance musste man kein Meeresbiologe sein. Es genügte die einfache Ausbildung eines Biologen zum Ethologen, um zu verstehen, weshalb ein Wal immer wieder seichte Gewässer aufsucht.
Äußerte man in jenen Tagen Kritik am Hype, an einer millionenschweren Medienshow, an der Profilierung von Tierärzten, Social-Media-Influenzern und Geldgebern, wurde man zu einem im deutschen Sprachgebrauch typischen „Sogenannten“, dessen Ferndiagnose nur falsch sein konnte.
Sicher ist: Nicht nur die Geschlechtsbestimmung Timmys aus nächster Nähe war peinlich falsch (er war eben kein Bulle). Auch die Interpretation seines Verhaltens war vom Typ selbsterfüllte Prophezeiung. Man habe gesehen und gespürt, dass der Wal sich freue, dass er bei seiner „Rettung“ mithelfe. Jede Fontäne aus dem Atemloch wurde als positives Zeichen interpretiert. Die Stimmen, die darauf hinwiesen, dass im Gegenteil dem wehrlosen Koloss mit dem ständigen Getriebe aus umherfahrenden Booten, Baggern, Berührungen, Versuchen ihn zu „mobilisieren“ nicht wirklich gedient sei, wurden phasenweise militant als Mangel an Einfühlung zurückgewiesen.
Nach dem Zerteilen des Wals auf Anholt sind es seine Überbleibsel, um die sich möglichweise – wie schon während der „Rettung“ – naturkundliche Museen streiten. Dass die für Energiegewinnung (!) geeigneten Teile des Kadavers zu „Biodiesel“ weiter verarbeitet werden, rundet jenes Bild ab, das sich längst wieder eingestellt hat:
Mitgefühl und Barmherzigkeit hin oder her – am Ende bleibt das anthropozentrische Nutzendenken. Teile von „Hope“ enden als „Erneuerbare Bio-Energie“.
Schonung aus Ehrfurcht, gar Demut vor dem Naturgeschehen – leicht mit Leben zu füllende Begriffe aus der Verantwortungsethik des Hans Jonas, die ich versuchte, in die mediale Wahrnehmung und den Ablauf des Vorgangs einzubringen, drangen nicht durch bis zu der den Medien und dem Aktionismus ausgelieferten „Hope“.
Quellen:
Chronologie des Geschehens Von Anfang März bis Mitte Mai 2026:
Gutachten für das Ministerium vom 07.04.26:
https://www.regierung-mv.de/serviceassistent/_php/download.php?datei_id=1687832
Minister Dr. Till Backhaus und die Mitgeschöpflichkeit im Interview:
https://www.youtube.com/watch?v=lOffNNNH_xU
Dr. Wolfgang Epple zur medialen Aufmerksamkeit für den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal:
BILD:
Epple (2009) Zur Verantwortungsethik des Hans Jonas: