10.09.2026 - Klartext

Minimalismus als politisches Programm

Postwachstumsökonomie, Suffizienz, Degrowth & Co. populär machen

Strom lässt sich nicht klimaneutral produzieren – Bild: pixabay

Ein Gastbeitrag von Dr. Axel Schlote

Strom läßt sich nicht klimaneutral produzieren, erst recht nicht „naturneutral“. Die Schlachten um fossile oder alternative Energien drehen sich immer nur um das „Wie“ der Stromerzeugung, nie um das „Ob“ und „Wofür überhaupt“. Doch unschädlich ist nur der Strom, der nicht verbraucht und gar nicht erst produziert wird. Das gilt auch für alle materiellen Insignien (und viele Dienstleistungen) des sogenannten Wohlstands. Rohstoffgewinnung, Produktion, Transportieren, Konsumieren und schließlich die Entsorgung zerstören die Natur und heizen das Klima auf.

Dabei gibt es längst viel mehr als genug, viel zuviel des Schlechten und Überflüssigen – und noch mehr davon fordern die Scharen von Wachstumspredigern unter dem Beifall des Volkes. Doch unschädlich sind nur die Autos, Handys, Geschirrspüler, Eiswürfelmaschinen und sprechenden Toaster, die nicht gekauft und gar nicht erst produziert werden. Seien wir ehrlich: Wer die Natur bewahren und das Klima schützen will, muß die Wirtschaft schrumpfen lassen. Nicht um ein paar Promille oder Prozente, sondern drastisch, auf einen Bruchteil des heutigen Niveaus in den industriell hochentwickelten Ländern. Unser Lebensstandard ist tödlich. Auch wenn uns Wirtschaftsheilige gebetsmühlenhaft warnen: Schrumpfung und Deindustrialisierung sind keine Schreckgespenster, vor denen wir uns fürchten müssen, sondern die Rettung von Natur und Klima – und nebenbei auch unserer Gattung.

Das sieht das Volk jedoch anders. Mit Schrumpfung und Deindustrialisierung ist kein Blumentopf und erst recht keine Wahl zu gewinnen. Es gibt gute Gründe, nach anderen Begriffen zu suchen oder neue zu konstruieren. Alternative Ökonomen fahren ein beachtliches Repertoire an Etiketten auf, die – mehr oder weniger elegant – die Horrorvision von Schrumpfung und Deindustrialisierung umschiffen. Niko PaechNiko Paech Niko Paech ist apl. Professor für Plurale Ökonomik an der Universität Siegen und einer der bedeutendsten deutschen Wachstumskritiker. Er gehört dem Wissenschaftlichen Beirat der NI an. hat den Begriff der „Postwachstumsökonomie“ geprägt, ebenso „Suffizienz“ und „Nachhaltiges Wirtschaften“. Weitere Wortungeheuer sind im Umlauf wie „Subsistenzwirtschaft“ oder „Degrowth“ (z.B. Giacomo d’Alisa u.a.). Nichtssagend daher kommt „Wirtschaft jenseits von Wachstum“ (Herman E. Daly), schlichter – zu schlicht – schließlich „Mäßigung“ (Hans Christoph Binswanger) oder das großgeschriebene „Genug“ (Dieter Kramer).

Mögen sie im Detail differieren, so beschreiben alle diese honorigen Ansätze doch ähnliche Vorstellungen von Alternativen zur herrschenden, desaströsen Wirtschaftsordnung. Und natürlich haben manche dieser Begriffe ihre Berechtigung: als Fachtermini für die Kommunikation zwischen Ökonomen und für Experten in manchen Aktivisten-Zirkeln, in denen diese Begriffe angekommen sind. Jenseits dieser eingeweihten Kreise, die nur einen Bruchteil der Gesellschaft umfassen, bleiben die Zauberwörter der alternativen Ökonomie pure Esoterik: Postwachs-was? Degro-wie? Suffi-wer? Nie gehört. Man unterschätze nicht die Unwissenheit und Ignoranz der Masse. Bei Postwachstum denken sie eher an überquellende Briefkästen, und Sympathie haben sie allenfalls für Suffizienz, weil sie nach SUV nicht weiter zuhören, und da endet das Verständnis. Über Suffizienz, Degrowth oder Postwachstum redet höchstens eine kleine Minderheit (und eine noch viel kleinere lebt danach). Diesen Begriffen fehlt jegliche Strahlkraft, die eine Vorstellung jedoch braucht, wenn sie auch nur die Chance haben soll, in die Breite zu wirken und Mehrheiten anzusprechen.

Man könnte radikal ehrlich von Schrumpfung und Deindustrialisierung sprechen. Aber diese Wörter schrecken so ab wie inzwischen alles, was nach grün, links, Sozialismus oder Kommunismus klingt; diese Begriffe treffen ohnehin nicht zu. Deshalb ist Ökosozialismus ungeeignet, weil er weitaus mehr Menschen in die Flucht schlägt als anlockt. Ökosozialismus kann Sozialisten die Ökologie nahebringen, aber keinen Wohlstandsdeformierten zum Verzicht bewegen. Das heißt nicht, den Ökosozialismus zu perhorreszieren – er hat große Schnittmengen mit Suffizienz, Degrowth und Postwachstumsökonomie – aber doch akzeptieren, daß manche Bezeichnungen auf Jahrzehnte verbrannt sind. Was fehlt, ist ein neuer, ein unverbrauchter Begriff, wenn man mit Suffizienz, Postwachstumsökonomie oder Degrowth eine nennenswerte Breitenwirkung erzielen will. So ein Begriff muß a) zuallererst für jedermann verständlich sein, er muß b) ehrlich sein und darf sich nicht als harmlos tarnen oder hinter Fremdwörtern und Anglizismen verstecken, und schließlich muß er c) Sympathie wecken und anziehend wirken.

Schon lange ist ein Begriff in der Welt, den wir zunächst durch die Kunst, Mode und Musik als Stilbezeichnung kennen. Darüber hinaus dient er längst auch als Fremd- und Selbstbeschreibung eines individuellen Lebensstils, der nachhaltiges Leben und Konsumieren vorexerziert. Und doch wird er bislang nicht mit alternativen ökonomischen Konzepten verbunden, obwohl nichts näher liegt. Dieser Begriff, den ich hiermit als neuen Sammelbegriff vorschlage, ist: der Minimalismus. Er ist intuitiv verständlich, knüpft an lebensweltliche Bezüge an und ist schon bei vielen, auch nicht praktizierenden Minimalisten positiv-sympathisch konnotiert. Ein in jeder Hinsicht einfacheres Leben wünschen sich mehr Menschen als die wenigen, die sich das bislang zutrauen. In der Sache trifft der Minimalismus wie kein anderer Begriff. Er ist ein bewußter Lebensstil, der sich auf wenige, aber wesentliche Dinge konzentriert und materiellen Überfluß minimiert. Konsumrausch wird gezielt durch Sinnhaftigkeit, Zeitwohlstand und innere Zufriedenheit ersetzt. Weniger physischer Besitz bedeutet dabei mehr Raum und vor allem Zeit für die persönliche Entwicklung und die Dinge, die im Leben wirklich zählen. Minimalisten trennen sich von Dingen, die sie nicht aktiv nutzen, um innere Ruhe durch mehr Übersicht und freie Räume zu gewinnen. Sie kaufen bewußt, langlebig und so wenig wie möglich, anstatt Modetrends hinterherzuhecheln. Minimalisten reduzieren Verpflichtungen, um mehr Zeit für Beziehungen und persönliche Ziele zu gewinnen.

Das geht nicht nur in einer Blockhütte im Wald ohne fließend Strom und Wasser, das geht überall: Konsum von Produkten, Nutzung von elektrischer Energie und Wohnraum minimieren. Nicht selten wird dieser Lebensstil kombiniert mit dem Verzicht auf Fleisch, auf Autos und Flugreisen. Minimalisten verbrauchen für ihren Lebensstil weniger Rohstoffe, weniger Raum, weniger Energie und emittieren daher auch nur einen Bruchteil der Schadstoffe. Anders gesagt: Minimalismus ist das Pendant zu Suffizienz, Degrowth, Postwachstumsökonomie, Ökosozialismus usw. in der individuellen Lebenswelt. Als Begriff ist der Minimalismus die Verdichtung und Übersetzung der theoretischen Konzepte in die Alltagssprache, in einen Kampfbegriff, der faßlich und jedermann verständlich ist. Als Fachbegriffe werden Postwachstumsökonomie, Suffizienz oder Degrowth deshalb nicht überflüssig. Sie bleiben das theoretische Fundament, auf dem der Minimalismus steht.

Niko Paech schreibt in seinem Buch „Befreiung vom Überfluss“ zurecht, daß wir zur Ergründung der Misere insbesondere die Lebensstile der einzelnen in den Blick nehmen müssen. Denn hier, im Alltag, in der Freizeit, im Urlaub, in der Wohnung, im Auto, auf dem Kreuzfahrtschiff oder im Flugzeug wird der Natur der Garaus gemacht. Dieser Lebensstil der Massen, die tägliche Vertilgung der Krümel vom maßlos wuchernden Kuchen, ist politisch, ist desaströs und mörderisch. Rettung bringt alleine die massenhafte Veränderung, ein ökologisch verträglicher, nachhaltiger Lebensstil aller Menschen, global gerecht innerhalb der planetarischen Grenzen, wie es etwas floskelhaft aber treffend heißt. Das ist die Konsequenz von Postwachstumsökonomie, Suffizienz und Degrowth, und dieser Lebensstil ist der Minimalismus. Mit einem buddhistischen Freund hat Niko Paech auch das Buch „All you need is less“ verfaßt; das gelungene Wortspiel mit einem Beatles-Klassiker eignet sich par excellence als Slogan eines Minimalismus, der sowohl politisch als auch individuell ist.

Der Minimalismus kennt nur einen Maßstab: die Bedürfnisse. Hier wird es schnell unübersichtlich, denn die meisten halten alles, was sie begehren, für ihre Bedürfnisse. Dabei können sie sich auf Karl Marx berufen, der die „erweiterten Bedürfnisse“ erfand, die auf der Nachfrageseite aus der expandierenden kapitalistischen Ökonomie erwachsen. So wird jedes Verlangen zum Bedürfnis, anstatt Bedürfnisse deutlich von Begierden abzugrenzen. Überfluß ist kein Bedürfnis. Platon war da vor 2.400 Jahren deutlich klüger, als er notwendige und nicht-notwendige Begierden unterschied. Die notwendigen Begierden sind alle Regungen des Körpers, die man nicht ignorieren kann, ohne Schaden zu erleiden, also der Drang, zu atmen, zu essen und zu trinken, zu verdauen oder sich vor Hitze und Kälte zu schützen. Wer seine Bedürfnisse nicht befriedigt, kann dauerhaft nicht leben. Manche nennen dies wahre Bedürfnisse, was doch nur eine Tautologie ist; denn allein Bedürfnisse sind wahr, alles andere sind keine Bedürfnisse. Darüber hinaus regiert das Reich der Begierden, der nicht-notwendigen Begierden in Platons Worten, also des Luxus, all dessen, was niemand braucht, aber fast alle begehren. Begierden sind unendlich, maßlos. Das modische Kauderwelsch von Bedürfnissen hat auch die ursprünglichen Bedeutungen von Armut und Reichtum auf den Kopf gestellt. Seneca wußte vor 2.000 Jahren noch: „Nicht wer zu wenig hat, sondern wer mehr begehrt, ist arm.“ Da entpuppen sich insbesondere die vermeintlich Reichen als die Allerärmsten. Denn tatsächlich reich ist, wer mehr hat, als er begehrt. Minimalismus ist Reichtum.

Das gilt für materielle Bedürfnisse. Daneben haben Menschen seelische Bedürfnisse: nach Nähe, Anerkennung, Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Selbstwirksamkeit. Diese Bedürfnisse hat die kapitalistische Wachstumsökonomie überformt und bietet Ersatzbefriedigung durch kommerzielle Waren, Vergnügungen und Dienstleistungen. Doch die seelischen Bedürfnisse bleiben, zu ihrer Befriedigung ist vor allem Zeit notwendig: Zeit, um Gefühle zu verarbeiten; Zeit zum Lesen, Nachdenken und Beobachten; Zeit für Gespräche und Nähe; Zeit für die Sinne, zum Schmecken, (Hin-)Hören oder Beobachten; aber auch Zeit zum Laufen oder Radfahren, statt das Auto zu nutzen, oder Zeit zum Kochen statt Fast-Food oder Tiefkühl-Pizza. Paradoxerweise ist der Minimalismus also ein Maximum: an Freiheit, Sinnhaftigkeit, Beziehungen und Nähe (vielleicht können wir den Minimalismus eines Tages umtaufen in Maximalismus, wenn die Rede vom guten Leben nicht mehr reflexartig nur Vorstellungen materieller Güter heraufbeschwört). Ein Maximum an freier Zeit zur Befriedigung seelischer Bedürfnisse – auch in diesem Sinne ist der Minimalismus Reichtum.

Dafür muß auch die Arbeitszeit konsequent minimiert werden. Wer viel konsumiert, muß viel Geld verdienen. Eine drastische Arbeitszeitverkürzung ist dagegen ein Markenkern des Minimalismus. Ich hörte vor langer Zeit die Geschichte eines Lektors, der sich bei einem Verlag bewarb. Der Verleger fragte ihn, wieviel er verdienen wolle. Der Lektor antwortete: „Ich brauche 1000 Euro im Monat. Wie lange muß ich dafür arbeiten?“ Das ist die Logik des Minimalismus, der immer von den Bedürfnissen ausgeht, zunächst von der Befriedigung materieller und dann seelischer Bedürfnisse. Dann reden wir nicht mehr über 38- oder 35-Stunden-Wochen, wir reden über 15 oder 20 Stunden Lohnarbeit pro Woche. Im Gegensatz zu maßlosen materiellen Begierden ist die Befriedigung seelischer Bedürfnisse keine Gefahr für die Natur. Liebe ist klimaneutral, auch Nähe, Gespräche, Geborgenheit, Wertschätzung, Empathie oder Komplimente – alle klimaneutral, selbst Sex (wenn auch nicht immer seine Folgen). Konsequenter Minimalismus befriedigt alle Bedürfnisse des Menschen – aber eben nicht nur der Menschen, sondern er respektiert durch seine Zurückhaltung bei Produktion, Konsum und Entsorgung vor allem auch die Bedürfnisse der Natur und der Tiere.

Der Begriff des Minimalismus richtet den Blick auch auf eine andere Arena des Kampfes um eine alternative Wirtschaft: auf die Wohnung und Wohnformen. Dieses Thema ist völlig vernachlässigt, aber elementar. Neben Mobilität und Freizeitkonsum außer Haus ist die Wohnung der Spiegel des Lebensstils. Für die ökologische Wirkung ist besonders die Größe entscheidend, der Wohnraum pro Person: zur Zeit etwa 48 qm in Deutschland und z.B. 75 qm in den USA. Die Größe beeinflußt unmittelbar den Energieverbrauch fürs Heizen oder elektrische Geräte, vor allem aber auch die Einrichtung – und damit den Aufwand für Rohstoffe, Produktion, Transport und später die Entsorgung all des nutzlosen Gerümpels, Schnickschnacks und Nippes, der in überdimensionierten Wohnungen angesammelt wird. Neben Mobilität, Ernährung und Freizeitverhalten sind Größe und Ausstattung der Wohnung ein wesentlicher Faktor für CO2-Emissionen und Naturzerstörung. Die Wohnung ist das Brennglas einer neuen Ökonomie. 20 qm pro Person sind mehr als genug. Der Minimalismus ist die Einsicht, daß weit mehr als genug Wohnraum vorhanden ist. Der herrschende Konsens ist eine Lüge, wenn behauptet wird, die einzige Therapie gegen Wohnungsnot sei ein massenhafter Neubau von Häusern und Wohnungen. Im Gegenteil: Wohnraum muß aufgeteilt werden, ein erheblicher Teil des bestehenden Wohnraums muß abgerissen, die Grundstücke (und viele Straßen) müssen entsiegelt und renaturiert werden.

Minimalismus muß man können, deshalb müssen Bildung und Ausbildung revolutioniert werden. Ich war auf einem sogenannten Pudding-Gymnasium, weil dort u.a. Textiles Gestalten, Kochen und Werken auf dem Lehrplan standen. Lange Zeit hat man sich dafür fast geschämt; heute halte ich Hauswirtschaft für das wichtigste Fach. Ökonomie bedeutet ursprünglich genau das: Das Wort ist entlehnt von Oikos, der Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft im Altertum. Hauswirtschaftslehre sollte Pflichtfach für alle bis zum Schulabschluß werden. Es ist die fundamentale Säule einer neuen, nachhaltigen Ökonomie: die Befähigung zum Minimalismus. Industrialisierung und Arbeitsteilung haben uns die meisten Grundkenntnisse des Hauswirtschaftens abgewöhnt. Diese Defizite muß eine verpflichtende Hauswirtschaftslehre ausgleichen: indem sie die nachhaltige Beschaffung und Zubereitung von Lebensmitteln oder den Umgang mit Geld ebenso lehrt wie basale Fähigkeiten zu Reparaturen oder zur Selbsterzeugung von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern. Natur und Klima (und die eigene Gesundheit) werden auch und vor allem in der Küche geschützt – weitaus mehr als die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch.

Minimalismus ist ein radikales Programm, das zur Ehrlichkeit zwingt. Man kann sich nicht den Pelz waschen, ohne naß zu werden. Postwachstumsökonomie ist nicht möglich ohne Verzicht – in der Perspektive des Minimalismus ist dieser Verzicht vor allem Gewinn. Nichtsdestotrotz: Den gewohnten Konsum schafft der Minimalismus ab. Das heißt, auch die Vertreter des Minimalismus selbst müssen verzichten, und zwar weit radikaler als abstrakte Betrachtungen erahnen lassen. Ein Beispiel: Ich lebe mit meiner Frau auf 41 qm, wir besitzen (und nutzen) kein Auto, verreisen nie mit dem Flugzeug, ernähren uns vegetarisch und verbrauchen 2,9 kWh Strom pro Tag. Das beeindruckt mich selbst manchmal, wenn ich diese Daten mit dem Wahnsinn um uns herum vergleiche. Nur: Es ist nicht mehr als ein Anfang. Unsere kleinste Wohnung war 32 qm groß, und selbst dort hatten wir mehr als genug Platz und Nippes. Wir ge- und verbrauchen immer noch viel zuviel, zuviel Strom, zuviele Möbel und Geräte. Unser relativer Minimalismus ist weit von dem entfernt, was Klima und Biosphäre pro Kopf der Weltbevölkerung vertragen. Ohne konsequenten Minimalismus sind Klimawandel, Artensterben und Naturzerstörung nicht aufzuhalten, bleiben Suffizienz, Degrowth und Postwachstumsökonomie graue Theorie. Der Minimalismus ist die politische Formel zur Bewahrung der Natur und zum Schutz des Klimas als Bedingung menschlichen Lebens. Insofern ist er nicht nur ein rücksichtsvolles, sondern ein radikal lebensbejahendes Programm. Anders als andere Lebensstile optimiert der Minimalismus aber nicht hedonistisch das Dasein der heute lebenden Menschen, sondern garantiert dauerhaft die Existenz künftiger Generationen und vor allem auch aller nicht-menschlichen Lebewesen: von Fledermäusen bis zu Mammutbäumen.

Der Begriff des Minimalismus ist bekannt, intuitiv verständlich, inhaltlich treffend, problemlos in andere Sprachen übersetzbar – und hat noch einen anderen gewichtigen Vorteil: Der Minimalismus ist politisch völlig unverbraucht. Der Minimalismus ist die Fahne, unter der sich verschiedene, aber artverwandte Theorien, geistige Strömungen und Lebenskonzepte versammeln können. Er ist die Schnittmenge verschiedener kleiner Bewegungen, die zu Trägern einer großen, auch politischen minimalistischen Bewegung werden können. Nicht nur selbsternannte Minimalisten betreiben Minimalismus. Elemente davon finden wir, meist unter anderem Namen, in ganz unterschiedlichen Gruppen. Nicht alle Christen wollen sich „die Erde untertan“ machen, Franziskaner nach Franz von Assisi oder Anhänger der Hildegard von Bingen respektieren die Natur. Im Buddhismus und im Jainismus gehört das einfache Leben zum Leitbild. Im Tutzinger Projekt „Ökologie der Zeit“ um Karlheinz Geißler stimmen viele Ideen mit dem Minimalismus überein. 1990 untersuchten Karl Heinz Hörning und Kollegen „Zeitpioniere“, die freiwillig nur Teilzeit arbeiteten und erhebliche Geldeinbußen in Kauf nahmen, um mehr freie Zeit für sich, ihre Interessen und Beziehungen zu haben. Ihr Vordenker war der Schwiegersohn von Karl Marx, Paul Lafargue, der bereits 1883 das „Recht auf Faulheit“ und eine radikale Arbeitszeitverkürzung forderte.

Minimalismus in Reinkultur ist die Tiny-House-Bewegung. – Bild: Claudia Luber

Minimalismus in Reinkultur ist die Tiny-House-Bewegung. Immerhin Urlaubs-Minimalismus ist das Camping, bei dem sich Wohlstandsgestreßte auf 12 qm von ihrem Alltag auf 150 qm erholen und sich selbst beweisen: Es geht – und ist befriedigender als Luxus. Was Naturzerstörung und Tierqualen betrifft, sind Vegetarier und Veganer Ernährungs-Minimalisten. Reparatur-Cafés fördern den Konsum-Minimalismus. Bei Initiativen wie Food-Sharing, Urban Gardening oder Zero Waste sind die Affinitäten zum Minimalismus schwer zu übersehen. Auch bei Fridays for Future, Extinction Rebellion oder der Letzten Generation haben einige begriffen, daß das Heil nicht in der Naturzerstörung durch Windkraftanlagen liegt, sondern daß alleine ein anderer, ein minimalistischer Lebensstil die Menschheit vor Artensterben und Klimaerwärmung schützen kann.

Die Theoretiker von Postwachstumsökonomie, Suffizienz und Degrowth sind selbst Pioniere des Minimalismus, teils auch praktisch. Auch der Ökosozialismus ist vor allem Minimalismus, und sogar im politischen Raum finden wir Affinitäten bei der Tierschutzpartei, der ÖDP oder der V-Partei. Sicher, das sind Splitterparteien; alle genannten Strömungen und Bewegungen sind mehr oder weniger nur Splitter, kleine, teils kleinste Gruppen. Doch mit ihren Gemeinsamkeiten lassen sich die vielen Splitter zu einem schlagkräftigen Balken verbinden. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen all diesen Gruppen, aber eben auch eine riesige Schnittmenge, und das ist der Minimalismus.

Ohne Umkehr wird sich unsere Spezies kraft Klimawandel, Artensterben und Naturvernichtung selbstausrotten; darum ist alternativlos, was wir Postwachstumsökonomie, Suffizienz oder Degrowth und nun Minimalismus nennen. Auf Einsicht oder Altruismus darf man dabei allerdings nicht setzen. Der Egoismus der Menschen regiert, das „Untier“ (Ulrich Horstmann) kennt keine Gnade. Ein kluger Minimalismus verkneift sich deshalb defensive Appelle an Vernunft und Mitgefühl, die ungehört verhallen, und erschreckt auch nicht mit apokalyptischen Szenarien. Mit seinen Verheißungen verführt der Minimalismus den Egoismus. Denn der Massenkonsum hat keinen inneren Wert, deformiert mit jedem Kauf den Käufer, macht Täter zu Opfern: die mehr als nötig fremdbestimmt arbeiten, Beziehungen nur als Waren und Natur als Bildschirmhintergrund kennen, in ihrer Tretmühle der Selbstoptimierung gefangengehalten, von Lärm und Abgasen umzingelt und von Werbereizen ubiquitär überflutet werden. Dagegen setzt der Minimalismus guten Gewissens positive, realistische Versprechen: mehr freie Zeit für Freundschaften, Hobbys und Befriedigung durch Selbermachen; mehr Gesundheit, klare Luft und Ruhe; mehr Gemeinschaft, Nähe und Beziehungen; genug für alle, um Bedürfnisse zu befriedigen; und schließlich konsequenten Klima- und Naturschutz, Tierschutz und Artenerhaltung.

Mit Absicht vermeidet der Begriff die Systemfrage. Ein kapitalistischer Minimalismus läßt sich ebensowenig denken wie quadratische Bälle, aber auch ein sozialistischer Minimalismus paßt nicht in die Denkschablonen des Marxismus. Die strukturelle Affinität von Kapitalismus und Sozialismus bzw. Kommunismus haben Denker wie Rudolf Bahro oder Renate Damus schon vor langer Zeit nachgewiesen. Im Grunde wollen Kapitalismus und Sozialismus das gleiche und streiten bloß um die Verteilung, wer wieviel vom goldenen Kalb bekommt – das goldene Kalb selber, die Welt der Konsumgüter, bleibt heilig. Eigentums- und Verfügungsfragen entscheiden nicht über das Ausmaß der Naturzerstörung, eher die Größe des industriellen Komplexes. In einer minimalistischen Ökonomie können unterschiedliche Eigentumsformen koexistieren: kleine private Einheiten nach der Idee des Ordoliberalismus, vergemeinschaftete Betriebe, Genossenschaften oder Stiftungen wie die Zeiss-Stiftung von Ernst Abbe, eine radikal alternative Unternehmensform quer zu Kapitalismus und Sozialismus. Der Markt kann ein Teil der neuen Ökonomie des Minimalismus sei, nur kein regelfreier liberaler, globaler, sondern ein lokaler, sinnlicher erfahrbarer Markt, der nach den Maßstäben der Befriedigung materieller Bedürfnisse reguliert ist.

Die Triebkraft des Wachstumswahns ist nicht der Kapitalismus mit seinen vermeintlichen Zwängen; er liefe ins Leere, wenn seine Angebote keine Resonanz fänden. Die Gier, das maßlose Verlangen fast aller nach allem, was sich besitzen und erleben läßt, erzeugt Systemzwänge, die keine sind. Doch schon heute stößt die Güterüberschwemmung auf einige ignorante Ohren und Augen. Manche sind von Natur aus immun gegen Reklame, dieses Lexikon der Dinge, die kein Mensch braucht. Doch das ist die Ausnahme. Acht Milliarden Menschen könnten morgen früh aufstehen und sagen: „Halt! Unsere knappe Lebenszeit ist zu kostbar, um nutzloses Geld zu verdienen und überflüssige Dinge zu produzieren, die wir kaufen, um Nachbarn zu imponieren, die uns gleichgültig sind. Wir genießen ein zweifelhaftes Wohl auf Kosten anderer Kreaturen, die leben wollen wie wir selbst. Schluß damit! Wir befriedigen nur noch unsere Bedürfnisse, schaden niemandem, erfreuen uns an unserer Phantasie, am Spiel und an der Natur, ohne sie zu zerstören.“ Wäre dies Volkes Wille – kein Gesetz, kein Staat und kein Wirtschaftssystem könnte sie davon abhalten. Doch das geschieht nicht, Gier, Egoismus und Gleichgültigkeit regieren. Sie treiben das Wachstum an, der Kapitalismus schafft nur die Motive, den Trieb in Gang zu setzen. Die Begierden zu zügeln gelingt nicht durch Appelle an Altruismus, sondern durch attraktive Angebote an den Egoismus. Minimalismus ist so ein Angebot, denn er verheißt ein besseres, erfüllteres, ein einfacheres und deshalb freies Leben.

Doch noch streben die Massen nach Wohlstand. Selbst Konzepte nachhaltiger Ökonomie halten an diesem Brandbeschleuniger der Naturzerstörung fest, etwa Hans Diefenbacher und Roland Zieschank mit „Woran sich Wohlstand wirklich messen läßt“, Tim Jackson und auch Meinhard Miegel mit „Wohlstand ohne Wachstum“ oder Juliet B. Schor mit „Wahrer Wohlstand“. Verzweifelt soll der Wohlklang des Wortes um jeden Preis gerettet werden. Doch der Wohlstand ist nichts anderes als das, was das Grundwort aussagt, nämlich ein Stand, der durch das Bestimmungswort, das vermeintliche Wohl, bestimmt wird – das Ständewesen der Moderne, quer zu alten Ständen wie Adel, Klerus oder Bürgertum. Der ganze Sinn dieser Tragikomödie ist, sich zu vergleichen, mit Verwandten, mit Nachbarn, mit Kollegen, mit anderen Regionen oder Nationen. Nur darum geht es, einen inneren Wert hat Wohlstand für alle ebensowenig wie Milliarden-Vermögen für wenige.

Wer ohne SUV nichts ist, wird auch mit SUV nichts sein. Wer das verstanden hat, braucht keinen SUV mehr, keine Villa, keine Juwelen, keine Tasche von Gucci, keine Kreuzfahrten, nicht einmal mehr einen Geschirrspüler. Allerdings befriedigt der Wohlstand den archaischen Drang, sich zu vergleichen. Man darf das nicht ignorieren. Die Soziobiologie erklärt diesen Drang wunderbar mit dem Fitneß-Streben: Man vergleicht sich mit anderen, um die eigene soziale Position und den Fortpflanzungserfolg im Konkurrenzkampf zu sichern. Der Trieb, sich vor anderen auszuzeichnen, läßt sich durch Vernünfteln nicht wegdiskutieren. Im Minimalismus funktioniert der Vergleich nicht mehr über den Konsum von Waren, Dienstleistungen oder Vergnügungen. Minimalismus ist kein Wohlstand, sondern Wohl ohne Stand. Vergleichen kann man sich nur durch mehr oder weniger Luxus, nicht durch die Befriedigung der Bedürfnisse. Genug ist genug, nicht weniger oder mehr oder noch viel mehr. Aber warum sollte es nicht z.B. Orden für den geringsten Stromverbrauch pro Person geben? Hier ist Phantasie gefragt.

Dieser Einwurf von der Seitenlinie ist nur eine erste Anregung, den Begriff Minimalismus in Debatten über eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einzuführen. „Das Manifest der Minimalistischen Partei“ muß noch geschrieben werden, um viele kleine Strömungen zu einer großen Bewegung zu integrieren. Allen Unterschieden zum Trotz können sie sich unter der Fahne des Minimalismus versammeln und ihn als echte politische Alternative nicht nur für Deutschland proklamieren. Dann könnte es bald heißen: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Minimalismus.“ Das muß keine Partei nach dem Parteiengesetz sein, aber in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes: ein Teil des Ganzen, ein Zusammenschluß von Menschen mit dem gleichen Interesse, das Klima zu schützen und die Natur als Lebensgrundlage zu erhalten. Wider die monotone Parole vom Wirtschaftswachstum quer durch alle etablierten Parteien und auch wider die Märchenerzähler des Ökomodernismus, die „grünes Wachstum“ predigen und doch nur ein grün lackiertes „Weiter so“ propagieren. Doch genug ist längst viel mehr als genug. Wir wollen einfach gut leben – nur der homo minimalis hat dauerhaft eine Zukunft.

Der Autor:

Axel Schlote, geb. 1968, promovierter Soziologe (mit einer Arbeit über die „Zeit“), konvertierter Philosoph; ehemaliger Redenschreiber der Bundesregierung; Autor zahlreicher Bücher, u.a. „Die beiden Grundprobleme der Philosophie: die Welt verstehen und ertragen“ (Königshausen & Neumann 2021), „APORIA. Dialog über den Untergang der Menschheit“ (Parodos Verlag 2024) und zuletzt „Der Eisbär im Parlament oder Parasitendämmerung. Anthropozäne Rest-Optionen“ (Parodos: 2026)

Autor Axel Schlote


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