Wenn Rehe blind sind vor Liebe – im Hochsommer ist die Paarungszeit der Rehe
„Den Bock verwirrt der Sonne Glut, den Hirsch die kalte Nacht!“. Dieser alte jagdliche Merkvers beschreibt die Tatsache, dass die Paarungszeit (Brunftzeit) der Rehe in den heißesten Tagen des Sommers, die Brunft des Rotwildes, der Hirsche, aber in den kalten Nächten Ende September stattfindet. Gleichzeitig aber weist der Vers darauf hin, dass insbesondere die Rehböcke in dieser Zeit entgegen ihres sonstigen, so vorsichten Verhaltens oft unaufmerksam bis arglos sind.
Wenn die meist im Mai geborenen Kitze etwa zwei Monate alt geworden und damit nicht mehr allein auf die Muttermilch angewiesen sind, werden die Ricken (weibliche Rehe) wieder paarungsbereit. Ein von den Ricken ausgehender, unwiderstehlicher Geruch und ihr typischer, schriller Fieplaut locken die Böcke an.
Nähert sich ein Rehbock einer paarungsbereiten Ricke, so beginnt diese vor dem Bock scheinbar davonzulaufen. Der Bock folgt der Ricke in immer enger werdenden Kreisen oft über viele Minuten, bis es schließlich zur Paarung kommt. Die Jäger sagen, der Rehbock „treibt“ und „beschlägt“ die Ricke. Dadurch entstehen im Getreide oder im Gras der Wiesen oft kreisrunde Spurbilder, die im Volksmund als „Hexenringe“ bezeichnet werden.
Während dieses Treibens folgt der Bock der Ricke blindlings, z.B. auch über Straßen hinweg. Ähnlich unaufmerksam sind die Rehböcke, wenn sie mit großer Aggressivität einen Nebenbuhler vertreiben.
Da die Brunft der Rehe häufig auch tagsüber oder schon zu Beginn der Dämmerung stattfindet, ist es nicht verwunderlich, dass die Sommerzeit auch eine Zeit vermehrter Wildunfälle im Straßenverkehr ist.
In abwechslungsreichen und reich strukturierten Landschaften müssen Autofahrer im Sommer bis Mitte August zu jeder Tages- und Nachtzeit mit dem plötzlichen Auftauchen von Rehen auf der Straße rechnen. Die Fahrweise sollte überall dort, wo der Waldrand, Hecken oder Felder bis an den Fahrbahnrand heranreichen, der möglichen Gefahr durch Wildwechsel angepasst sein. Vor allem aber sollen die Autofahrer immer damit rechnen, dass einem über die Straße laufendem Reh oft noch ein zweites folgt.
Dabei beobachten Wildtierkundler seit einigen Jahren, dass die Paarungszeit der Rehe, in der Jägersprache „Blattzeit“ genannt, immer früher beginnt. Früher dauerte die Brunft der Rehe etwa von Mitte Juli bis Anfang August und fiel so in etwa mit den sogenannten Hundstagen, der heißesten Zeit im Jahr, zusammen. Jetzt aber sind manchmal schon ab Ende Juni treibende Rehböcke zu sehen.
Die Ursache für diese Verschiebung der Brunftzeit nach vorne ist nicht ganz klar. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Kitze durch die milden Winter früher zur Welt kommen und damit ihre Mütter, die Ricke auch früher wieder paarungsbereit werden.
Ist nach etwa vier Wochen die turbulente Paarungszeit der Rehe vorbei, kehren die Ricken zu ihren etwas vernachlässigten Kitzen zurück und kümmern sich wieder fürsorglich um den Nachwuchs. Die Rehböcke aber ziehen sich allein zurück und versuchen nach den Anstrengungen der Brunft wieder zu Kräften zu kommen.
Leider sind die Rehe in den letzten Jahren in den tödlichen Fokus der Försterinnen und Förster geraten und werden in vielen Forstbetrieben wie Schädlinge verfolgt, weil sie auch Triebe junger für die Holzproduktion vorgesehener Forstpflanzen fressen, die oft wie die „Modebäume“ Douglasie und Küstentanne Neophyten sind. Dabei werden sowohl die Jagdmethoden als auch die Dauer der Jagdzeit von Wildbiologen immer wieder stark kritisiert. Deutschland hat im europäischen Vergleich die längsten Jagdzeiten auf Rehe, die 10 Monate im Jahr geschossen werden dürfen. Solch lange Jagdzeiten sind mit den biologischen Ansprüchen der Art unvereinbar. Umso wichtiger ist, dass die Rehe noch in den privaten Jagdrevieren und in den abwechslungsreichen Feldlandschaften einen sicheren und geschützten Lebensraum finden.
Hintergrund: Die Eiruhe
Die Tragzeit der Rehe beträgt etwa 9,5 Monate und ist damit für so ein kleines Säugetier relativ lang. Aber so fallen sowohl die kräftezehrende Paarungszeit, als auch die Geburt der Kitze in die warme Jahreszeit. Um dies zu ermöglichen, bedient sich die Natur eines Tricks. Obwohl die Ricken im Juli befruchtet werden, entwickelt sich der Embryo erst ab Dezember. Bis dahin ruht das befruchtete Ei. Die Wildbiologen nennen dieses Phänomen „Eiruhe“ oder „Keimruhe“.
Daher können auch Ricken, die in der Brunftzeit im Sommer nicht erfolgreich befruchtet (beschlagen) wurden, im Dezember noch einmal brunftig werden. Dann gibt es manchmal „Hexenringe“ im Schnee. Nach einer Paarung im Dezember gibt es keine Eiruhe, das Kitz entwickelt sich sofort und kommt auch im Mai auf die Welt!
Außer bei Rehen kommt eine Eiruhe auch bei Dachs, Stein- und Baummarder, Hermelin (Großes Wiesel), Seehund, Fischotter und Braunbär vor.
Weitere Infos
Rehe sind liebenswerte Mitgeschöpfe, die – bis auf die Siedlungen – fast die ganze Republik besiedelt. Eigentlich alle an der Natur interessierten Menschen kennen Rehe. Sie sind eine stammesgeschichtlich sehr alte Tierart, die schon seit ca. 20 bis 25 Millionen Jahre auf diesem Erdball lebt. Homo sapiens gibt es erst seit 300.000 Jahren. Man kann davon ausgehen, dass Rehe damit als Art damit eine gewisse Kompetenz erworben haben, Krisen auf diesem Erdball zu überstehen.
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