Die Wilde Möhre – Eine kleine Schwindlerin trotzt auch der Trockenheit
Von Dipl.-Biologe
Immo Vollmer
Immo Vollmer Dipl.-Biologe und seit 2018 Naturschutzreferent der NI
In den in diesem Hitzesommer meist verdörrten Wiesen und Straßensäumen sieht man oft noch einen weiß blühenden Doldenblütler, die Wilde Möhre (Daucus carota). Als Tiefwurzler erreicht sie teils noch feuchte Bodenschichten. Auch weitere Stauden der Wiesen wie der Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium) oder zwei- bis mehrjährige Pflanzen oft gestörter Plätze wie die Wegwarte (Cichorium intybus) oder die Nachtkerzen (Sammelart Oenothera biennis) haben ein tieferes Wurzelwerk, weshalb sich auch jetzt noch teilweise bunte Straßenränder zeigen, wo die Straßenmeistereien dieses zulassen.
Schwarzer Fleck als Signal
Eine kleine Schwindlerin ist die Wilde Möhre deshalb, weil einige Blüten in der Mitte der Dolde schwarz und deformiert erscheinen und einen schwarzen Fleck bilden. Dieser ist aber nicht auf jeder Dolde vorhanden. Es ist ein Signal an vorbeifliegende Fliegen, dass hier schon Artgenossen sitzen und deshalb dort etwas zu holen ist. Da der Nektar auf offen liegenden Griffelpolstern präsentiert wird, sind bei den Doldenblütlern v.a. Insektenarten mit kurzen Mundwerkzeugen wie Fliegen, Käfer, aber auch viele Solitärbienen und Wespenartige als Bestäuber angesprochen. Das auf der Blüte gelandete Insekt, wie hier eine Goldfliege wurde aber nicht vergeblich angelockt. Es findet ja Nektar und Pollen. Und einige Pollen verliert sie dann auf einer benachbarten Blüte.
Der besseren Wahrnehmung der Blume dient es auch, dass die Randblüten der Dolde bei der Wilden Möhre größer sind als die zentralen Blüten. Dadurch und mit den ansonsten kleinen Einzelblüten wirkt die aus vielen Einzelblüten zusammengesetzte Doldenblüte aus der Ferne wie eine einzige Blume. Die Früchte bekommen bei der Reife Widerhaken und werden dann im Fell von Tieren (oder an Socken und Hosen) verbreitet. Damit diese Verbreitung nicht zu früh einsetzt, sind die Dolden nach der Blüte erst einmal nach innen gekrümmt. Die Wurzelrübe ist bei der Wildform allerdings kaum als solche zu erkennen. Erst bei der Kulturform ist die Rübe kräftig ausgebildet. Hier ist es eine äußere, noch mit Versorgungsbahnen durchsetzte Schicht (bei den Bäumen als „Bast“ bezeichnet), der zum Speicherorgan stark verdickt ist. Dieser ist bei der Kulturform auch durch Carotinoide rötlich gefärbt. Der innere gelbe Teil entspricht dem bei Bäumen verholzenden Teil des Sprosses.