30.07.2026 - Pressemitteilung

Kein Wolfsangriff auf ein Kind in der Toskana – Erstmeldung war in der Presse nicht wahrheitsgetreu

Symbolfoto Wölfe – Bild: AdobeStock_NÉSTOR RODAN

Der Deutsche Jagdverband nutzt den Vorgang für Fehldarstellung des Wolfsverhaltens

Dichtung und Wahrheit, Teil 2

Von Dr. Wolfgang EppleWolfgang Epple Dr. rer. nat. Wolfgang Epple ist Biologe und Autor zahlreicher Bücher, u.a. auch von „Windkraftindustrie und Naturschutz sind nicht vereinbar“ (2021) und gehört dem Wissenschaftlichen Beirat der NI an.

Die wie ein Lauffeuer auch in Deutschland verbreiteten Erstmeldungen des 20.07.2026 über einen angeblichen Angriff eines Wolfs in der Toskana auf einen mit dem Familienhund spielenden zweijährigen Jungen waren offensichtlich Falschmeldungen. Zu keinem Zeitpunkt sei ein Kind von einem Wolf angegriffen worden, dementieren der Bürgermeister der Gemeinde Camaiore und die Polizei drei Tage später. Schon die aufgebauschten Erstmeldungen hatten ausgereicht, um zu zeigen, dass es keinen Angriff eines Wolfs auf ein Kleinkind gegeben hatte (1).

Der Kern des Geschehens bleibt: Wolf reißt einen Hund – Menschen waren jedoch nicht beteiligt und wurden nicht angegriffen

Julian Mayr, der die Falschmeldung in „Merkur“ und HNA übernommen und ausgeschmückt hatte, musste in beiden Zeitungen eine Richtigstellung vornehmen. In den weiter aktiven Links ist die irreführende Betitelung der Falschmeldung unverändert (2)(3).

Wie es in der Richtigstellung lapidar heißt, befand sich während des für den Hund tragischen Vorfalls kein Mensch im Freien – weder das Kind, noch die Eltern. Der Hund war unbeaufsichtigt, und wie in unserer ersten Stellungnahme (1) zum ethologischen Zusammenhang beschrieben, bleibt als einziger Fakt die gezielte Erbeutung eines Hundes durch einen Wolf. Zum seit Jahrzehnten bekannten ethologischen Zusammenhang siehe (1).

Die ungefiltert reißerische Verbreitung der ersten Falschmeldung führt in den deutschen Medien nur zu einem Rückzug in Teilen (4). BILD macht gar ein „Rätsel“ aus der überaus klaren Richtigstellung durch die italienischen Behörden (5). Offensichtlich fällt es einigen deutschen Medien, wenn es um den Wolf geht, besonders schwer, Fakten einzuordnen und Vorkommnisse wahrheitsgemäß darzustellen. Dies zeigt sich bei der Kolportage von vermeintlichen „Wolfsangriffen“ ganz grundsätzlich (1).

Welt-TV verbreitet via DJV-Chef „Jägerlatein“ zu angeblich fehlender Scheu und Gefährlichkeit von Wölfen

Noch am Abend des 23.07.2026, als in Italien und Deutschland bereits das behördliche Dementi der zweifelhaften Story vom Wolfsangriff auf ein Kleinkind bekannt war, durfte sich auf dem TV-Sender der „WELT“ der Präsident des Deutschen Jagdverbandes (DJV), Helmut Dammann-Tamke mit falschen Aussagen zur angeblich allgemein abnehmenden Scheu der Wölfe und einer daraus entstehenden Gefahr für die Menschen verbreiten. Der Beitrag ist im Netz schwer auffindbar, wurde jedoch privat aufgezeichnet und ist als Beleg im Archiv der NI und des Verfassers gespeichert (6).

Einleitend ist in diesem WELT-TV-Beitrag zunächst die italienische Falschmeldung wiederholt. Um den Horror zu steigern, wird dem angeblich das Kind angreifenden Wolf im wiedergegebenen Originalbeitrag aus Italien ein Gewicht von 70 kg (!) angedichtet. Das Dementi des Bürgermeisters wird erwähnt, bevor ab ca. Min 1:35 Dammann-Tamke ausführlich mit klar erkennbarer Zielrichtung interviewt wird. Der Jäger-Präsident räumt zwar ein, dass er aus der Ferne nichts zu Details des Geschehens beitragen kann, kommt aber sofort zu seiner zentralen Botschaft, wörtlich:

„(…) Fakt ist aber, dass wir über den westeuropäischen Wolf reden, normalerweise ein scheues Wildtier. Und dieses Wildtier verliert mehr und mehr seinen Respekt, seine Angst vor dem Menschen (…).“

Dammann-Tamke ordnet anschließend die wissenschaftlich nicht bestrittene, sondern seit Jahrzehnten bereits aus Freilandstudien bekannte Habituation und erfolgreiche Einpassung der Wölfe in die vom Menschen veränderte und stark beanspruchte Kulturlandschaft fachwissenschaftlich falsch ein. Auf Nachfrage nach konkreten Zahlen muss er einräumen, dass er seine pauschale (Falsch-)Aussage nicht belegen kann: „(…) also eine valide wissenschaftliche Datengrundlage steht derzeit aus (…).“

Zur Untermauerung seiner steilen Aussagen führt er statt dessen zwei ungeeignete konkrete Beispiele an: Einen seinerzeit ebenfalls medial aufgebauschten Vorfall in den Niederlanden (Anm. WE: Wolf „Bram“) bei Utrecht Ende Juli 2025, in dem ein durch vorheriges Anfüttern fehl-habituierter Wolf einen 6-Jährigen verletzt hatte, und das Wolfsgeschehen in Hamburg im März 2026, wo sich ein Jungwolf während seiner Ausbreitungs-Wanderung in die Hansestadt verirrt hatte, und in die Enge getrieben bei einem Flucht-Sprung eine Frau mit der Pfote verletzt hatte. Beide Einzelfälle belegen nicht, dass es einen populationsweiten Trend der Wölfe Europas gibt in Richtung weniger Scheu und „Respekt“ vor dem Menschen. Vielmehr ist der Stand der Wissenschaft: …

Wölfe verlieren nicht generell ihre Scheu in Kulturlandschaften – Einzelindividuen, insbesondere einsame Wölfe auf Partnersuche und „mutige“ Jungwölfe (Pioniere) verhalten sich neugierig und weniger scheu

Alle wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Verhalten von Wölfen (und ihrer Beute) in der Kulturlandschaft befassen, deuten darauf hin, dass Wölfe auch in der Situation der Gewöhnung (Habituation) an die ständige Gegenwart von Menschen und deren kultur-bedingten Strukturen nicht ihre grundlegende Vorsicht und Scheu vor dem Menschen verlieren; herausgegriffen sei die Studie von Kasper et al. aus 2025 und das dortige Literaturverzeichnis (7). Der Jagdverbandspräsident verschweigt entweder wider besseres Wissen diese validen Erkenntnisse, oder man ist beim DJV nicht auf der Höhe der Wissenschaft. Man ignoriert Fakten, wenn sie nicht in die aktuelle artenschutzfeindliche Agenda zur Wolfsvernichtung passen.*

Individuelles Verhalten von Wölfen muss gewürdigt werden

Gerade das Verhalten einzelner Wolfsindividuen muss in den Kontext des Wissensstandes der Ethologie des Wolfes eingelesen werden: Der als „Grindi“ im Jahr 2026 in Schlagzeilen und Visier geratene Wolf an der Hornisgrinde im Schwarzwald, der von den Behörden wegen angeblich zu geringer Scheu als Gefährdung für Leib und Leben eingestuft wurde, geht deshalb in die Geschichte des Naturschutzes ein. Er belegt das äußerst plastische und situativ individuell variierende und angepasste Verhalten der Wölfe. Wölfe werten persönliche Erfahrungen aus. Dieses Individuum belegt keineswegs einen populationsübergreifenden Trend. Vielmehr erhebt sich an seinem Verhalten die Frage, ob Wölfen wenigstens in Nationalparken zugestanden wird, was als „Nationalparkvertrautheit“ weltweit belegt ist (8).

In Medien, Jägerkreisen und Politik wird der Diskurs, welches Verhalten der freilebenden Wölfe Europas eigentlich „normal“ ist, nicht in ausreichender Tiefe und Offenheit geführt. Die Klage der NI hat zwar einen Abschuss des Hornisgrinde-Wolfs verhindert. Die von Jagdseite bei jeder Gelegenheit befeuerte Legende der Gefährlichkeit der Wölfe aus mangelnder Scheu lebt weiter. Der Umgang der Medien mit der Falschmeldung aus der Toskana und die begleitenden unhaltbaren Äußerungen des Präsidenten des DJV sind ein weiterer trauriger Beleg. Die Anerkennung der Jagdverbände als Naturschutzverbände jedenfalls bedarf einer faktenbasierten Überprüfung. „An ihren Früchten (Taten) werdet (sollt) ihr sie erkennen“ (Jesus Christus; mehrere Zitate in der Bibel).

*Zur artenschutzfeindlichen Gangart Dammann-Tamkes und des DJV passt, dass man die bevorstehenden „Schnell-Abschüsse“ von Wölfen am Beispiel Niedersachsen in Zusammenarbeit mit den zuständigen Ministerien und Behörden geheim halten will. Dies soll ganz offensichtlich zur Aushebelung der Einspruch- und Klagemöglichkeiten der Naturschutzverbände beitragen. Es soll bei Anfragen keine Auskünfte zu konkreten Schnellabschussverfahren geben. Das belegt ein Rundbrief des DJV-Präsidenten vom 24.07.2026 in seiner Funktion als Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V.



Ansprechpartner:

Dr. Wolfgang Epple
Biologe

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