24.07.2026 - Pressemitteilung

Wolfsangriff auf ein Kind in der Toskana?

Symbolfoto – Bild: Ingo Kühl

Wolfsangriff auf ein Kind in der Toskana?

Dichtung und Wahrheit:

Eine bewusst ausführliche Einordnung eines tragischen Vorfalls im Beziehungsdreieck „Mensch-Hund-Wolf“

von Dr. Wolfgang Epple

Ein tragischer und traumatisierender Vorfall in der Begegnung von Mensch, Hund und Wolf in der Toskana führt in Deutschlands Medien zu halbwahrer Darstellung und Befeuerung des Rotkäppchen-Syndroms: Wölfe greifen kleine Kinder an und wollen sie fressen?

Das Geschehen

„Wolf attackiert Kind beim Grillen in beliebter Urlaubsregion – Familienhündin bezahlt Rettung mit dem Leben“, titelt Julian Mayr seinen reißerischen Artikel vom 22.07.2026 in der HNA (1), in dem er einen Bericht des italienischen Lokalblattes „Versiliatoday“ vom 20.07.2026 (2) kolportiert. Es lohnt ein Abgleich mit der originalen Meldung aus Italien, um die Arbeitsweise der in Deutschland gegen den Wolf anschreibenden Journalisten zu beleuchten. In der Anlage ist für die Leser der gesamte zugrunde liegende Artikel aus Italien übersetzt, auf den viele weitere Medien in Deutschland aufgesprungen sind.

Ein entscheidendes Detail vorneweg: Der Zweijährige spielte im nicht eingezäunten Garten mit der 22 kg schweren Familienhündin „Destiny“. Im Original heißt es: Der Wolf näherte sich dem Hof und kam dabei dem Kind sehr nahe. Von einer „Attacke“ (HNA-Reißer-Titel) ist nicht die Rede. Beim Münchener Merkur hat Julian Mayr seine Story einen Tag später auch untergebracht (3) und erfindet: „Ein entspannter Sommerabend in Orbicciano in der Toskana, Grillduft liegt in der Luft, ein Zweijähriger spielt im Garten. Dann, in Sekunden, bricht die Idylle zusammen: Ein ausgewachsener Wolf dringt in den Hof ein – und geht direkt auf das Kind zu.“ Dass das Kind mit dem Mischlingshund gespielt hat, kommt erst weiter unten in seiner Erzählung. Das Bild ist schon vermittelt: Der Wolf geht direkt auf das Kind zu…eine Attacke? Ging der Wolf auf den Hund zu? Ging er auf Kind und Hund zu?

Keine Attacke auf das Kleinkind

Was folgt, ist tragisch, aber eben keine Attacke auf ein Kleinkind. Der Familienhund folgt seiner ihm und seinen Artgenossen angezüchteten Schutz-Aufgabe eines Hofhundes: Er verbellt mit Sicherheit den Wolf, „stellt sich dazwischen“, und wird spätestens jetzt zum alleinigen und chancenlosen Ziel des Wolfs. Wen also hat der Wolf attackiert? Was war überhaupt Anlass seines Auftauchens auf einem nicht umzäunten Grundstück, das lange Zeit unbewohnt war? Woran hatte er Interesse?

Nehmen wir eine dritte Quelle dazu. Wo Wölfe dämonisiert werden können, sind Jagd-Illustrierte wie die „Pirsch“ nicht weit. Dort titelt eine Kathrin Führes zeitgleich mit HNA: „Wolf greift bei Grillfeier Kind an und tötet Familienhund“. Sie bezieht sich bei dieser freien Erfindung auf „suedtirolnews.it“. Damit ist in der deutschen Jäger-Öffentlichkeit – wie so oft völlig undifferenziert – alles klar. Frau Führes dichtet weiter: „Es gelang, den Wolf zu vertreiben“. Und lässt damit ein wichtiges Detail weg, das im Original aus Italien und immerhin bei HNA und Merkur nachlesbar ist. Denn es gelang nach dortigen Darstellungen gerade nicht, den Wolf zu vertreiben. Und dies deutet auf die Motivation bzw. Appetenz des Tieres beim Eindringen in das Grundstück hin:

Endhandlung des Wolfs: Tötungsbiss in Hals/Kehle und Wegzerren der Beute

Der Wolf (bzw. ein Wolf-Hund-Hybride?, s.u.) war auffällig und äußerst hartnäckig, nachdem er den Hund typischerweise mit gezielt angesetztem Tötungsbiss in Hals bzw. Kehle in Richtung Wald zerrte. Er ließ sich von dieser in der Ethologie als Endhandlung bezeichneten Abfolge des Beutemachens nicht abbringen. Deshalb konnten die herbei geeilten Menschen den Hund nicht retten. Man traute sich ganz offensichtlich nicht heran. Der Vater des Kleinkindes war ohnehin erst durch das Jaulen des Hundes auf den für den Hund tragisch endenden Vorgang aufmerksam geworden. Einen eingetretenen Jagderfolg lassen sich Wölfe (und selbst Hunde mit Jagdinstinkt) schwer streitig machen. Selbst innerhalb der Wolfs-Familie kommt es an frisch gemachter Beute zu gut dokumentierten Rangeleien, phasenweise ist das Aggression-dämpfende Dominanz-Verhältnis außer Kraft gesetzt – besonders bei großem Hunger.

Für die Appetenz bzw. Motivation zum Beutemachen in diesem Fall spricht auch, dass der Hund offensichtlich am Ort des Geschehens bis zum anderen Tag fast vollständig verzehrt war, und man daraus – im Originalartikel zurecht als Hypothese dargestellt – schließen kann, dass eine Wolfsfamilie beteiligt war. 22 kg kann ein einzelner Wolf und auch ein Wolf-Hund-Hybride (s.u.) nicht an einem Tag verzehren.

Wölfe und Haushunde – eine komplexe Beziehung. Zur ethologischen Einordnung des Geschehens

Die Genetik der toskanischen und insgesamt der italienischen Wolfspopulation deutet darauf hin, dass nach oder während des Flaschenhalses, durch den auch die Abruzzenwölfe in der jüngeren Vergangenheit gegangen sind, immer wieder Kontakt zu Haushunden bestand, und auch Hybridisierung stattfand. Dies scheint gerade die Wölfe der Toskana ausgeprägt zu betreffen (4). In Zeiten geringer Wolfsbestände noch vor wenigen Jahrzehnten dürfte die Begegnungen zwischen Haushunden (auch mit in Italien weit verbreiteten Haushund-Streunern) und Wölfen häufig gewesen sein, und gelegentlich zu Verpaarungen geführt haben.

Der Anstieg der Wolfspopulation in Italien aber führt zu ebenfalls bekannten Verhaltensabläufen: In intakten Wolfspopulationen nimmt das sexuelle Interesse der Wölfe an Haushunden weitgehend ab. Wölfe neigen in solchen Konstellationen dazu, Haushunde gezielt zu töten und zu erbeuten.

Auf YouTube gibt es eine Reihe glaubhafter Videos, die Wolfsangriffe auf Haushunde dokumentieren. Selbst sehr wehrhafte Hunde von der Größe eines Schäferhundes haben gegen die Zielstrebigkeit und große Beißkraft von Wölfen häufig wenig auszurichten. Nur sehr starke Herdenschutzhunde wie beispielsweise Kangals vermögen einen Wolf zu bezwingen.

Der in den Hof der Familie eingedrungene Wolf könnte aus Interesse an relativ leichter Beute – der 22 kg schwere Mischlingshund – gezielt in den Hof marschiert sein. Dabei kam er „notgedrungen“ dem mit dem Hund spielenden Kleinkind sehr nahe. Die mutige Wachhund-Reaktion tat ihr übriges als Auslösereiz. Der Wolf (oder Wolf-Hund-Hybride) hatte es mit großer Wahrscheinlichkeit „auf den Hund abgesehen“.

Einige Unsicherheiten

In einem weiteren italienischen Artikel vom 19.07.2026 wird das Geschehen reißerisch mit dem persönlichen, traumatischen Erleben der Eltern des Kindes ausgeschmückt (6). Ein letztes wichtiges Detail sei aus diesem Artikel angefügt: So hat sich die Mutter beim Versuch, die Hündin zu retten, Verletzungen beim überhasteten Rennen in den Wald zugezogen. In den oben zitierten Berichten konnte leider der Eindruck entstehen, die Frau sei möglicherweise vom Wolf verletzt worden.

Bis zur vollständigen forensischen Klärung des gesamten Geschehens kann nicht ansatzweise von einem Wolfsangriff auf ein Kleinkind gesprochen werden. Genetische Analysen müssen erst bestätigen, ob ein Wolf oder gar ein großer wolfsähnlicher Hund in das Grundstück eingedrungen ist. Angesichts der relativ häufigen Hybridisierung in der toskanischen Wolf-Population (4) ist noch nicht einmal auszuschließen, ob der als Wolf wahrgenommene Eindringling ein Wolf-Hund-Mischling war.

Schlussbemerkung – der Vorfall reiht sich hinsichtlich Berichterstattung ein in unseriöse Erfindung angeblicher „Wolfsangriffe“

Relativ geringe Scheu ist in jedem Fall kein Argument für die grundsätzliche Gefährlichkeit von Wölfen in der direkten Nachbarschaft zu menschlichen Siedlungen, wie dies Freiland-Untersuchungen gerade an den italienischen Wölfen schon vor Jahrzehnten eindrucksvoll belegt haben (7).

In der hier gegebenen Einordnung wurde bewusst und gewissermaßen vorbeugend davon ausgegangen, dass es sich tatsächlich um einen Wolf gehandelt hat, der den Haushund der Familie getötet und in den Wald gezerrt hat. Spekulationen sind fehl am Platz. Selbst aus der reißerischen Aufmachung des zweiten zitierten italienischen Berichtes lässt sich mitnichten für das deutsche Boulevard herleiten, dass das eindringende Tier eine gezielte Attacke gegen ein Kleinkind auch nur begonnen geschweige denn vollendet hat.

Aufbauschen, freie Erfindung und gezielten „Weglassungen“, letztlich einseitiges und undifferenziertes Story-Schreiben über angebliche Wolfsattacken sind inzwischen besonders in der deutschen Journaille und in der Jagdpresse weit verbreitet. Man nimmt erkennbar auch diese Steilvorlage aus Italien gerne und typischerweise „leicht verändert“ auf. Erinnert sei an das Hamburger Wolfsgeschehen im März 2026. Wochenlang wurde von einer „Wolfs-Attacke“ bzw. einem „Wolfsangriff“ in allen Leitmedien der Republik berichtet und geschrieben. Dies selbst noch dann, als längst klar und nachgewiesen war, dass der einer Attacke beschuldigte verängstigte Jungwolf, der sich auf seiner Jugendwanderung in der Innenstadt Hamburgs in ein Einkaufszentrum verirrt hatte, von Schaulustigen und einer Helferin in die Enge getrieben bei einem panischen Fluchtversuch eine Frau am Mundwinkel im Sprung mit der Pfote verletzt hatte. Nicht nur der NDR als ÖR-Rundfunk-Anstalt, auch Sender wie ntv und selbst – dies besonders skandalös – „Spektrum.de“ als „Wissenschaftsmagazin“ (5) hielten es auch Wochen später nicht für notwendig, den fehlgehenden Sprachgebrauch „Attacke“ bzw. „Wolfsangriff“ zu revidieren.

Quellen:

(1) https://www.hna.de/welt/wolfattacke-beim-grillen-urlaubsregion-hund-rettet-kind-und-stirbt-zr-94408827.html

(2) https://www.versiliatoday.it/2026/07/20/almeno-tre-o-quattro-lupi-dietro-la-morte-di-destiny-la-posizione-di-tutela-rurale-dopo-lattacco-fatale-alla-canina-che-ha-difeso-il-bimbo-di-2-anni/

(3) https://www.merkur.de/welt/kleinkind-und-stirbt-wolfsangriff-in-toskana-huendin-rettet-94408854.html

(4) https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0006320725006524?via%3Dihub

(5) https://www.spektrum.de/news/erster-wolfsangriff-in-deutschland-seit-wiederkehr/2317423

(6) https://www.iltirreno.it/versilia/cronaca/2026/07/19/news/cane-eroe-in-versilia-salva-bambino-di-2-anni-dall-attacco-di-un-lupo-e-si-sacrifica-per-la-sua-famiglia-1.100896969

(7) Ziemen, E. (1978): Der Wolf. Mythos und Verhalten. Meyster Verlag, 333 Seiten. Dort : Seite 227 ff..

 

Komplette Übersetzung des Originalartikels aus „Versiliatoday“ (1)

mit Google-Übersetzer (WE):

„Mindestens drei oder vier Wölfe für den Tod von Destiny verantwortlich“: Die Haltung von Tutela Rurale nach dem tödlichen Angriff auf den Hund, der einen zweijährigen Jungen verteidigt hatte.
Eine Hündin opferte sich, um ein erst zweijähriges Kleinkind zu verteidigen. Dieser dramatische Vorfall ereignete sich am Samstag, dem 18. Juli, gegen 21:30 Uhr in Orbicciano, einem Weiler in Camaiore. Dort wurde Destiny, eine siebenjährige Mischlingshündin, angegriffen und getötet, nachdem sie sich zwischen das Kind und einen Wolf gestellt hatte, der in den Hof des Hauses eingedrungen war.

Der Nationale Verband zum Schutz der Umwelt und des ländlichen Lebens (Associazione Nazionale per la Tutela dell’Ambiente e della Vita Rurali) rekonstruierte die Ereignisse. In seiner Stellungnahme hebt der Verband nicht nur die Schwere des Vorfalls hervor, sondern auch die Art und Weise, wie der Angriff des Raubtiers erfolgte.

Die Familie war erst im April letzten Jahres in das Bauernhaus eingezogen. Laut der Gemeindepolizei, die den Ort besichtigte, ist das Grundstück nicht eingezäunt und es gab bereits Meldungen über die Anwesenheit von Wölfen in der Gegend.

An jenem Abend bereitete der 39-jährige Vater Tommaso (ursprünglich aus San Giuliano Terme) im Hof ​​ein Barbecue vor, während seine 40-jährige Frau Paula in der Küche stand und die Gartentür offen ließ. Ihr zweijähriger Sohn spielte draußen mit Destiny.

Laut der Rekonstruktion in der Erklärung des Vereins näherte sich ein großer Wolf dem Hof ​​– ohne jegliche Scheu vor den Menschen – und kam dem Kind sehr nahe.

In diesem Moment schritt Destiny ein.

Der kleine Hund stellte sich dem Raubtier entgegen und konnte vermutlich verhindern, dass der Wolf das kleine Kind erreichte.
 
„Destiny war sehr tapfer, aber dieser Wolf – so groß er auch war – ließ ihr keine Chance“, sagte die Mutter. Ihr Mann habe erst durch das Jaulen des Hundes bemerkt, was geschah.
 
Als sich der Mann umdrehte, hatte der Wolf Destiny bereits am Hals gepackt und zerrte sie in Richtung Wald.
 
Der Vater und herbeigeeilte Nachbarn versuchten, den Wolf zu verfolgen, um den Hund zu retten. Doch das Tier tauchte immer wieder auf, sodass sie sich ihm nicht nähern konnten.
 
Am nächsten Morgen fand man bei der Rückkehr zum Fundort nur noch einige Überreste des Hundes.
 
Genau an diesem Punkt stellt die Nationale Vereinigung zum Schutz der Umwelt und des ländlichen Lebens (Associazione Nazionale per la Tutela dell’Ambiente e della Vita Rurali) ihre eigene Hypothese auf:
 
„Um einen Hund von etwa 22 Kilogramm Gewicht auf diese Weise zu verschlingen, müssen mindestens drei oder vier Wölfe beteiligt gewesen sein.“
 
Die Vereinigung stützt diese Einschätzung auf die Art und Weise, wie der Tierkörper verspeist wurde; sie wird als Hypothese präsentiert, die weiterer Untersuchungen bedarf.
 
Der Vorfall entfacht erneut die Debatte über die Anwesenheit von Wölfen in besiedelten Gebieten und die Notwendigkeit – laut der Naturschutzorganisation – eines entschiedeneren Umgangs mit Wölfen, die keine Scheu vor Menschen zeigen.
 
Die Vereinigung verweist zudem auf Daten des ISPRA (Institut für Naturschutz und ländliche Angelegenheiten), die die zahlreichen Fälle belegen, in denen das Institut lokale Behörden bei Problemen im Zusammenhang mit der Wolfspräsenz unterstützt hat.
 
„Niemand will die Ausrottung des Wolfes, aber ein Bestandsmanagement ist notwendig“, heißt es in der Mitteilung des Vereins. Darin wird auch auf die Möglichkeit von Ausnahmeregelungen – wie sie in europäischen Verordnungen vorgesehen sind – hingewiesen, wenn die öffentliche Sicherheit und der Schutz der Bevölkerung gefährdet sind. In Orbicciano bleibt jedoch vor allem die Geschichte von Destiny im Gedächtnis: ein kleiner Hund, der sein Leben verlor, als er versuchte, ein Kind seiner Familie zu beschützen.
 



Ansprechpartner:

Dr. Wolfgang Epple
Biologe

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